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Bühne Mal wieder Reiner Kunze lesen
„Die wunderbaren Jahre“ – Prosatexte über das Leben junger Menschen unter der SED-Macht – hatten mich sehr bewegt. Dieses erste Buch, das ich von Reiner Kunze gelesen hatte, blieb aber, ich muß es gestehen, für lange Zeit auch das letzte – bis ich vor wenigen Jahren seine Lyrik entdeckte. Reiner Kunze ist kürzlich 75 Jahre alt geworden. Eine deutsche Biographie durch ein Dreivierteljahrhundert: Bergarbeitersohn aus dem Erzgebirge, frühe Förderung als talentiertes Arbeiterkind, Abitur 1951, Studium der Philosophie und Journalistik, früh anerkannter Nachwuchslyriker, aber mehr und mehr ein unbequemer Geist unter den mißtrauischen Augen der Kulturbürokratie, leidenschaftlicher Anwalt für die Autonomie des Dichters. 1959 wurde er seines Amtes als wissenschaftlicher Assistent an der Karl-Marx-Universität Leipzig enthoben. Vorwurf: Er wirke dahin, die Studenten zu „entpolitisieren“. Aus dieser Zeit stammt sein Gedicht Das Ende der Kunst
Kunzes besondere Liebe galt schon früh der Tschechoslowakei, in deren wunderschöne Landschaften, Städte und Dörfer er immer wieder real wie dichterisch eintauchte, mit deren Dichtern und Dichterinnen ihn freundschaftliche Kontakte verbanden, und wo er auch sein privates Glück fand: Seine Frau Elisabeth ist gebürtige Tschechin. Es ist sein Verdienst, manche der tschechischen Lyriker und Erzähler einem deutschsprachigen Lesepublikum bekannt gemacht zu haben. Seine Übertragungen ins Deutsche (es sind Nachdichtungen, nicht einfach Übersetzungen) bereichern den Bücherschatz eines jeden Lyrikfreundes. Tatbestand: „staatsgefährdende Hetze“ und „Staatsverleumdung“. Die Akte wuchs bis zu seiner Übersiedlung 1977 (in diesem Jahr erhielt er auch den Georg-Büchner-Preis) auf zwölf Bände an. Nach der Wende hat Kunze sie Blatt für Blatt durchgearbeitet. „Über tausende von Seiten das Deutsch des Staatssicherheitsdienstes lesen zu müssen, war Folter“, schreibt der sprachmächtige und sprachsensible Dichter. Aber es mußte sein. Bereits 1990 unter dem Titel „Deckname Lyrik“ veröffentlicht, ist die daraus entstandene Dokumentation ein Lehrstück über Mechanismen totalitärer Kulturüberwachung. Reiner Kunze hat sich auch im Westen nicht vereinnahmen lassen. Sein „Tagebuch eines Jahres“ unter dem Titel „Am Sonnenhang“ zeigt den unbeugsamen und oft auch unbequemen Dichter fern aller Moden und Trends. Seine Gedichte nutzen die Sprache mit äußerster Sparsamkeit und wirken gerade darum so eindringlich und einfühlsam. Den Definitionen, was ein Gedicht sei, hat er ein paar ganz persönliche hinzugefügt: Ein Gedicht sei „zur Ruhe gekommene Unruhe“, oder „der Blindenstock des Dichters“, mit ihm berühre er „die Dinge, um sie zu erkennen“. Und mit seiner präzisen wie einfachen Sprache gibt er dem Leser und der Leserin die Chance, seine Gedichte auch zu verstehen. Gleichwohl sind sie alles andere als leicht verdaulich, auch wenn sich die Wörter so schlicht und klar vor einem ausbreiten wie in den folgenden Zeilen: Rostblättrige Alpenrose
von Ulrich Schröder, 2008-09-30 17:24 Kommentieren
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„Die wunderbaren Jahre? Von Reiner Kunze? Hatte das nicht einen blauen Umschlag?“ Die Klassenlektüre lag 30 Jahre zurück, aber mein ehemaliger Schüler erinnerte sich. Auch für mich als Deutschlehrer war es die erste Begegnung mit dem Autor gewesen. Der Fall hatte damals die Medien beschäftigt: ein kritischer Schriftsteller, übergesiedelt aus der DDR in die Bundesrepublik.

