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Youngstar-Theater: schwarzes "Real life Deutschland"

--"Oh, Du kommst aus Afrika? Wie interessant. Da kannst Du sicher prima tanzen und singen". Die - farbigen - Jugendlichen des Youngstar-Theaters kennen diese Sätze in und auswendig. Obwohl in Deutschland geboren und aufgewachsen, werden sie immer wieder als exotische Wesen wahrgenommen - und mit diversen Klischees überzogen. 

Kennen gelernt haben sich die sieben Jugendlichen des Youngstar-Theaters bei früheren Treffen der "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland". Eigentlich waren sie nur mit ihren Familien zu den Treffen gefahren, haben dann aber bald festgestellt, dass sie als schwarze Kinder und Jugendliche ihre eigenen Themen haben. Vor knapp drei Jahren begannen sie dann, ihre Erfahrungen als Schwarze in Deutschland in einem Theaterprojekt auf zu arbeiten.

Heraus gekommen ist die Collage "real life:Deutschland", mit dem die Truppe am Freitag im Café Grenzbereiche in Platenlaase auf der Bühne stand. Dialog zwischen einer Weißen und einer Schwarzen: "Wo kommst Du her?" - "Aus Deutschland". - "Nein, ich meine, was ist deine wirkliche Heimat?" - "Deutschland". - "Nee, welche Nationalität hast Du?" - "Deutsch". Schon diese kleine Szene zeigte, mit welcher Hilflosigkeit die "Urdeutschen" den Schwarzen gegenüber treten.

Ich liebe Milchreis und Pünktlichkeit

Dabei sind die Kids des "Youngstar"-Projektes in Deutschland geboren und aufgewachsen, kennen ihr Ursprungsland oft nur von Fotos oder Erzählungen. Und auch ihre Vorlieben unterscheiden sich in nichts von denen ihrer traditionell deutschen Freunde: "Ich liebe Milchreis, Pünktlich sein und meine beste Freundin“.

In kleinen Szenen erzählen die sieben Jugendlichen zwischen 16 und 21 Jahren von ihren leidvollen Erfahrungen als farbiges Kind in Deutschland. Da ist zum Beispiel die Deutschlehrerin, die konsequent den Vornamen „Kofi“ (mit langem O) wie „Coffee“ ausspricht – eine doppelte Ignoranz, gegen die sich der Schüler Kofi nicht zur Wehr setzen kann. „Sie können wählen, welchen Autor Sie bearbeiten wollen, ich lasse Ihnen da völlig freie Hand...“. Der – farbige - Schüler wählt einen nigerianischen Literaturnobelpreisträger, der sich sowohl mit Deutschland als auch mit Nigeria auseinander gesetzt hat. Reaktion der Lehrerin: „Wenn ich sagte, freie Wahl meinte ich eher Goethe oder Schiller, nicht so eine nigerianische Asche. Wenn schon Ausländer, dann Shakespeare oder Kafka“!

Mut machen will das Youngstar-Theater, Mut machen, sich von dem alltäglichen Rassismus zu distanzieren und den eigenen Weg zu finden.  Auch wenn es oft nur die relativ harmlose Art ist, alles was aus Afrika kommt mit einem romantisch-verklärenden Nimbus zu versehen. Schlimmer schon die üble Anmache in der Disco, der vor allem schwarze Mädchen ausgesetzt sind. Farbig sein, ist für viele weiße Männer immer noch gleichbedeutend mit "heisser Schokobraut", die die Liebe zum Sex schon mit der Muttermilch aufgesogen hat. Auch davon, und von verzweifelten Nächten nach derartigen Erlebnissen, erzählt "real life:Deutschland".

Dr. Dr. Dippl hat ein Konzept

Aber auch wenn sie sich selber als Deutsche fühlen, beschäftigt die Youngstar-Truppe auch die Geschichte der Schwarzen in der Welt. Ein Filmausschnitt zeigt eindrucksvoll die brutale Realität der Schwarzen in den USA der 50er Jahre. Da referiert ein Wissenschaftler vor einer Versammlung weißer Frauen darüber, wie das "Problem der Schwarzen" am besten zu lösen sei: durch "Auszüchtung". Per Farbtafel weist er nach, dass die Schwarzen bereits in der dritten Generation verschwunden wären, würden sich die weißen Männer darauf konzentrieren, sich konsequent mit schwarzen Frauen zu paaren (vorausgesetzt natürlich, daß eine Paarung zwischen Schwarzen unterbunden würde...!). Die "Youngstars" schlagen zurück: in einer Spielszene schlägt Frau Dr. Dr. Dippl ein 3-Phasen-Programm vor, mit dem das "Feindland Europa" mit seinen "vom Sonnenbrand geplagten Weißen" von seinen Problemen befreit wird. Generalstabsmäßig werden tiefschwarze Afrikaner in den Norden geschickt, um sich hier mit Weißen zu vereinigen. Und: "spätestens in der dritten Generation wird dann vom Weißen nichts mehr übrig sein."

Mit grosser Spielfreude und grimmigem Witz hielten die sieben Youngstars rund um ihren Koordinator Sebastian Fleary das Publikum in Platenlaase im Bann. Es gab viel zu lachen - auch wenn es manchmal im Halse stecken blieb, fühlte man sich doch hier und da kalt erwischt. Denn wer ist schon frei davon, braune Babys mit schwarzer Wuschel-Haarpracht unendlich "niedlich" zu finden oder schöne dunkelhäutigen Frauen mit Rastalocken zu unterstellen, sie hätten ein besonderes Talent zur rhythmischen Bewegung. Dabei blieb "real life:Deutschland" angenehm frei vom erhobenen Zeigefinger. Im Gegenteil: mit Selbstironie, scharfem Witz und unglaublicher Energie wurde das Publikum mitgenommen auf eine Reise in eine schwierige Realität.

„Ein Blues in Schwarz-Weiß“, so brachte eine Schauspielerin ihre Situation in Deutschland auf den Punkt. Doch sie bleiben hier, denn schließlich sind sie Deutsche von Geburt an. Auch wenn ihnen das Leben hier nicht immer leicht gemacht wird.

Wer mehr über das Youngstar-Projekt wissen möchte - click! hier.



von Angelika Blank, 2008-12-22 10:00
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