Politische Weisung für Gorleben - ein Kommentar
Die Aufregung ist groß. Als neuen historischen Skandal verkaufen TAZ und BI die Äußerungen von Prof. Helmut Röthemeyer, früher Physikalisch-technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig, gegenüber der „tageszeitung“. Kurt Herzog (Linke) fordert unverzügliche Aufklärung, Martina Lammers (Grüne) will Röthemeyer vor den Atomaussschuß der Landkreises holen.
Es hagelt Presseerklärungen. Niemanden stört es offenbar, das dieser jetzt angeblich so wichtige Skandal von denselben Leuten bisher ignoriert wurde. Frühere Veröffentlichungen, nach 2000 zuletzt im August 2008 in der EJZ, hat offenbar niemand gelesen.
Es ist immer schön, wenn sich das Richtige auch historisch durchsetzt. Deshalb: nichts gegen eine nochmalige Veröffentlichung und- endlich stattfindende - Reaktion darauf. Aber aus mehreren Gründen ist dieser Vorgang bemerkens- und bedenkenswert.
Da ist einmal die journalistisch-handwerkliche. Der TAZ-Autor zitiert in seinem Artikel aus einem Papier, dass er sich von mir erst schicken ließ, die umstrittenen Schlussbemerkungen des PTB-Zwischenberichts von 1983 nämlich. Die lagen ihm noch gar nicht vor. Auch meinen Bericht in den „Umweltbriefen“ vom November 2008, in dem der Vorgang der politischen Einflußnahme ebenfalls vorkommt, läßt er sich von der Redaktion in Berlin schicken. Fairerweise hätte man unter Kollegen eine Erwähnung, einen Hinweis erwarten dürfen. Aber unter Haien und kleinen Fischen ist das wohl nicht mehr üblich.
Bedenken sollten sich alle diejenigen, die jetzt, gestützt auf den PTB-Zwischenbericht von 1983, politische Aktion fordern. Sie könnte nach hinten los gehen. Denn in dem Bericht steht nicht, was zum Beispiel Kurt Herzog behauptet. Herzog schreibt in einer Presseerklärung: „Damit kam Röthemeyer im Prinzip zu dem gleichen Ergebnis wie der zuvor zuständige Projektleiter Prof. Duphorn: Dass Gorleben untauglich ist.“ Aber das ist Herzogs Prinzip, nicht Röthemeyers. In dem Bericht von 1983 wird nirgendwo Gorleben als untauglich bezeichnet. Eine „ablehnende Aussage von PTB-Professoren“ zum Standort Gorleben (Herzog) gab es nicht. Vielmehr wurde in den inkriminierten Schlußbemerkungen vom Mai 1983 erklärt, viele Aussagen über den Salzstock seien „wegen der noch nicht erfolgten Bestätigung durch die untertägige Erkundung mit Unsicherheit behaftet“. Deshalb, und nur wegen dieses Risikos, sollten parallel zum Schachtabteufen in Gorleben auch andere Standorte obertägig erkundet werden. Das ist nicht gerade eine Kronzeugen-Aussage gegen Gorleben.
Der Vorgang von 1983 ist aus ganz anderen Umständen ein Argument gegen die Standortwahl von Gorleben. Es zeigt, daß die politische Einflußnahme nicht mit der Standortbenennung von 1977 und den Akzeptanzgeldern beendet war, sondern massiv fortgesetzt wurde, sobald sich auch nur ein Schatten auf die Zukunft eines Endlagers in Gorleben legte. Die „nationale Aufgabe“ der nuklearen Entsorgung war ein politisches Projekt und ist es bis heute. Niemand kann nach dem bisher abgelaufenen Verfahren dafür garantieren, daß ausschließlich die reine Wissenschaft der Maßstab der Erkenntnis war. Die „Asse“ lupft den Zipfel dieser nationalen Verabredung ein wenig. In der Geschichte von Gorleben gibt es dafür Indizien.
Der Vorgang von 1983 ist auch deshalb wichtig, weil er belegt, wie sehr Wissenschaftler bereit sind, sich von politischen Geisterreitern überregeln zu lassen. Es hat immerhin 17 Jahre und eine Pensionierung gedauert, bis wenigstens einer der Beteiligten den Mund aufmachte. Er war in seiner Wissenschaftlerehre gekränkt, nicht in seinen Überzeugungen über die Eignung des Standortes Gorleben. Das sollte wissen, wer sich jetzt auf ihn stürzt und ihn als Zeuge für die eigene Überzeugung anführen möchte. Der Vorgang von 1983 ist ein Skandal, aber nicht der, den einige jetzt darin sehen möchten.
wendland-net dokumentiert als Diskussionsgrundlage den 2. Entwurf der PTB-Schlußbemerkungen von 1983. Bei diesem Entwurf hanelt es sich um die wegen des politischen Drucks überarbeitete Fassung. Verändert werden musste vor allem der erste Absatz mit der uneingeschränkt positiven Wertung von Gorleben: (click)
von Karl-Friedrich Kassel , 2009-04-21 14:39
Kommentieren
Diese erste Fassung gibt es eben bisher nicht. Dass sie skeptischer war gegenüber Gorleben als die zweite Formulierung von der "vollen Bestätigung" der Eingungshöffigkeit, ist klar. Schließlich gefiel sie der poltischen Ebene nicht. Aber aus den folgenden Absätzen, die nach Röthemeyers Aussage unverändert blieben, lässt sich auf den ursprünglichen Gehalt des ersten Absatzes schließen. Sie haben etwas gefunden, was die Rückhaltewirkung des Deckgebirges in Frage stellt. (Und das, nachdem sie Duphorn wegen dieser Vorhersage noch als inkompetent abgetan hatten.) Wie weit diese Infragestellung geht, ließe sich jedoch erst durch weitere untertägige Erkundung beantworten. Allerdings liege da auch ein Risiko, am Ende nämlich zu der Erkenntnis kommen zu müssen, daß die Rückhaltefähigkeit zu gering bis nicht vorhanden ist. Deshalb die Empfehlung zur alternativen Suche. Nicht eine Absage an den Standort Gorleben, wohl aber ein klarer Zweifel am seitdem immer wieder genutzten Glaubensbekenntnisses "Nichts spricht gegen die Eignungshöffigkeit", das ist der Inhalt der Schlußbemerkungen der PTB von 1983.
von: Karl-Friedrich Kassel