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Dezember 1999/Januar 2000

 kommentar      

Die Ehrlichkeit der Sprache

Es ist unmodern, offen und einfach zu sagen, was man wirklich will. Verbalkosmetik und Funktionsdiktion sind auf dem Vormarsch. Öffentliche Sprache wird vermehrt von professionellen Wort-Designern hergestellt, zielt ganz bewußt aufs Unbewußte. Karl-Heinz Farni hört kaum noch auf den Inhalt, sondern auf den eigenen Körper. Der spürt, was hinter der Wortschminke lauert.

Es ist nicht verboten, mir und meinen Kindern in der Vorweihnachtszeit per Katalog eine auf Bauchdruck einnässende Puppe namens "Little Teardrops" anzubieten. Es ist auch nicht verboten, uns "Baby Belinda" für 49,99 Mark als "Multifunktions-Weichbaby mit Zubehör. Reagiert interaktiv mit realistischen Babygeräuschen" anzupreisen. Eigentlich schade. Es müßte verboten sein. Denn solche Sprache tut weh. Wobei die Sprache nicht schuld ist, sondern nur ehrlich, indem sie den inneren Zustand des Sprechers ausdrückt und nicht verheimlichen kann, daß hier der Versuch eines Anschlags auf das Wohlbefinden von Kindern vorliegt. Denn derartiges Spielzeug ist rosarot verpackte Körperverletzung: gegen eine batteriebetrieben plärrende und auf Knopfdruck pinkelnde Puppe ist jeder mit noch so vielen abgetrennten Gliedmaßen um sich schmeißende Horrorfilm kuscheliges Kasperltheater.

Das Problem ist, daß wir - weil ständig mit anglizistisch schicker und wohlklingend weichgespülter Sprache zugeschüttet - zunehmend abstumpfen, nicht mehr wirklich hinhören und das Gehörte einmal auf den ganzen Körper wirken lassen. Täten wir das noch, dann würde uns auffallen, was es bedeutet, seinem Kind ein interaktiv mit realistischen Babygeräuschen reagierendes Multifunktions-Weichbaby mit Zubehör auf den weihnachtlichen Gabentisch zu legen. Uns würde noch mehr auffallen. Zum Beispiel, mit welchen Worten unser Kanzler, als er jüngst nach Peking reiste, den ohnehin gebeutelten Chinesen nun auch noch den Transrapid ans Herz legte. Er sagte, man brauche die bisher nur durchs Emsland kreisende Magnetschwebebahn "zum Transport von Menschen". Nun könnte man lachen und fragen: "Ja, für was denn sonst?" Hört man aber genauer und mit dem ganzen Körper hin, dann vergeht einem das Lachen, dann fröstelt's einen, und man hat Assoziationen: Die Formulierung ruft unweigerlich die Erinnerung an die Waggons "zum Transport von Menschen" nach Auschwitz hervor.

Bei aller Nichtliebe soll Gerhard Schröder damit nicht in die Faschistenecke gedrängt werden. Aber: die Sprache ist Ausdruck des Denkens und Fühlens - oder eben des Nicht-Fühlens. Wenn die Sprache eiskalt ist, dann ist auch das Denken und Fühlen eiskalt. Und diese Tendenz verstärkt sich. Wer, statt von einem Huhn, von "Legeeinheit" spricht, wer nicht mehr wohnt, sondern "wohnhaft" ist, wer mit ausdruckslosem Gesicht dauernd "whow" und "geil" und "boh ey" stammelt, wer nicht mehr fühlt, was er sagt, wenn er - auch nach Tschernobyl - ungerührt von "Restrisiko" redet, zerfetzte Menschen als "Weichziele" und "Kollateralschäden" bezeichnet, oder (schon wieder unser Kanzler!) während des Kosovo-Kriegs sagt: "Wir führen keinen Krieg. Wir suchen eine friedliche Lösung mit militärischen Mitteln", der hat sich weitgehend von der Menschlichkeit verabschiedet.




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