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Dezember 1999/Januar 2000

 herr paul      

Gesellschaft für unbegründeten Wohlstand

Tag allerseits, ick bin's bloß, der Herr Paul. Auch von meiner werten Seite wird hiermit betont: Ick heiße nich Koch! Im übrigen is dis die letzte Kolumne in diesem Jahrtausend, wat mich schon irjendwie feierlich stimmen tut. Ick weeß ja nich, wie's Ihnen so jeht, aber für mich sind ein paar Fragen der letzten tausend Jahre keineswegs hinreichend jeklärt worden.

Zum Beispiel: Wozu jibt et hier, in unsere fast menschenleere Idylle, eigentlich diese Unmengen an Möbelhäusern? Dis jeht ja nu bald in die Richtung: pro 100 Einwohner ein Möbelhaus. Sind die vielleicht ein Ergebnis unserer kompetenten Wirtschaftsförderung oder gar der Regionalplanung? Wünschen sich unsere Einödbauern und Stadtflüchtlinge tatsächlich nüscht sehnlicher, als sich am laufenden Meter neu zu möblieren? Wenn nein: Wovon leben dann bloß all die Filialen? Wenn ja: wovon bezahlt die werte Kundschaft den janzen furnierten Mist? Vermutlich leasen se, wie pumpen heutzutage so vornehm heißt. Und weil alle bei allen zumindest ein bißchen verschuldet sind, finden se ooch die Arbeit unsrer repräsentativen Plei-tiers, also der Politiker, irgendwie doch immer wieder wählenswert.

Und denn wüßte ick noch gerne, ob es tatsächlich auch im nächsten Jahrtausend immer so sein und bleiben muß, det, wenn sich zwei oder mehr streiten tun, nur wichtig is, wer Recht hat, und nich, ob dis Problem (zum Beispiel Atomausstieg) irjendwie mal jelöst werden kann. Wobei: Eigentlich wollte ick gar nich schon wieder uff die armen Grünen einprügeln, die verhau'n sich selbst immer noch am besten. Aber dann quält mir noch die Frage, ob inzwischen irjendwelche Forscher rausbekommen haben, wozu es Handys jibt? Ick meine: außer für die Aktienkurse der Telefongesellschaften? Und interessieren täte mich auch, wie die Leute, für die so'n Ding so wichtig zu sein scheint, bloß früher jearbeitet und überlebt haben?

Wo wir gerade bei Aktien sind: Vielleicht könnte sogar unsereins an dieser virtuellen Gelddruckerei verdienen, indem man eine AG gründet. Mein Vorschlag: Dideldum AG, Gesellschaft für unbegründeten Wohlstand. Wir produzieren und kaufen nüscht, verkaufen aber Aktien, die garantiert keinen Gegenwert haben. Dis müßte doch, wenn man nur oft genug Globalisierung, Dienstleistung und Innovation in irjendwelche Mikrofone murmelt, ein Riesenerfolg werden.

Geld gibt's nämlich hierzulande bloß für absolut sinnlosen Kram, also Panzer, Atomzeugs, Transrapide oder auch Dienstwagen. Denn wahrlich, ick sage Euch: Wir leben in einem reichen Land! Wir haben allet. Dis einzige, was uns fehlt, is die Mauer, deswegen ham wa die in unseren Köpfen - eine Art kollektiver Phantomschmerz vermutlich.

Aber an der Schwelle des neuen Jahrtausends will ick nu nich nur meckern, sondern meine kleine Vision verkünden: Ick träume manchmal von einer Welt, in der keen erwachsener Mensch Babywin-deln anziehen oder Maden essen muß, damit er ins Fernsehn kommt, weil in meiner Welt sowieso keener solche Sendungen sehn will; in der allseitiger Beschiß keen Volkssport ist und Jäger sich nich wie kleene Fürsten aufspielen; und in der unsere EJZ gelegentlich noch wat anderes als Heimatschnulzen abdruckt.

Nach dieser reichlich unvollständigen Auswahl dürfte zumindest klar sein, det ooch in den nächsten tausend Jahren noch einiges zu tun bleibt. Immerhin soviel ist sicher.

Ick meine ja bloß

sagt der Herr Paul




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