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Dezember 1999/Januar 2000 |
Wenn zwei sich unterhalten, dann steht von vornherein fest, daß sie sich - zumindest über das hochgelobte Medium Sprache - nicht verstehen werden. Das schrieb schon 1920 Ludwig Wittgenstein in seinem Buch "Logisch-philosophischer Traktat": "Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt." Er schloß sein Werk mit den Worten: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen" - und tat dies (erst 31 Jahre alt) tatsächlich: Er verschenkte sein Vermögen und arbeitete als Dorfschullehrer und Klostergärtner. Ganz so konsequent wie Wittgenstein sind weder zero noch Christa Tornow-Kneebone, die sich hier Gedanken über die Unzulänglichkeit der Anredeformen macht.
Die Spärlichkeit der Sprache
Hildegard Hamm-Brücher soll gesagt haben, sie rede auch sich selber mit Sie an. Beneidenswert, wem das mit der Anrede so einfach von der Zunge fällt. Die Sprache hat Riesenlöcher; mir fehlen zu den etablierten Formen des Du und des Sie mindestens vier Anreden. Sie ist nicht gleich Sie; und du ist nicht gleich du. Kinder und Hunde müssen sich ungefragt das Du gefallen lassen; sie sind klein und - na eben bloß Kinder und Hunde. Prinzen dagegen, auch wenn sie möglicherweise ziemlich widerliche Hosenscheißer waren, wurden von Domestiken und ihrem bürgerlichen Hauslehrer gesiezt; ich hoffe, das hat sich mittlerweile erledigt. Du unter Erwachsenen assoziiert vertrautes Miteinander; in Dörfern üblich, wo sich von klein auf jeder kennt; unter Verwandten, Gleichgesinnten, Kegel"brüdern". Die Achtundsechziger verordneten das Du als allgemeine Anredeform - ein Spießer, wer Sie sagt! - ; wie aggressiv das brüderliche Du doch sein kann! Das menschliche Zusammenleben ist durch die Duzerei nicht erfreulicher geworden. Du unter Arbeitskollegen zur Klimaverbesserung? Der Begriff "Mob-bing" ist erst nach 1968 in den deutschen Sprachschatz eingedrungen. Mit dem Duzen verdünnt sich der Respekt, der in Krisen eine hilfreiche Aggressionsbremse sein kann. In der Gorlebenszene ist Duzen Standard. Widerstand - das bedeutet Zusammenarbeit über Jahre, unbedingtes Vertrauen, Wär-me, nicht allein sein. Da kann das Du zum Ehrentitel werden: Du bist aufgenommen in den Kreis der Verschwörer. Andererseits habe ich eine Abneigung, mich von jedem Hans und Franz duzen zu lassen, der zufällig unter dem gleichen Wasserwerfer liegt, mir aber eigentlich herzlich unsympathisch ist. Da verkommt das Du zur Konvention, wird unverbindlich und gleichgültig. Du ist nicht gleich du. In Victor Klemperers "LTI - Notizbuch eines Philologen" gibt es eine nachdenkliche Erfahrung zum Du. Die Nazis hatten den jüdischen Professor gezwungen, untergeordnete Arbeit in einer Fabrik zu leisten. "Mir selber ist das affektische Doppelwesen des Du in diesen Jahren ungemein deutlich geworden; wenn mich ein arischer Arbeiter mit Selbstverständlichkeit duzte - es brauchte gar kein besonderer Trost von ihm ausgesprochen zu werden - , dann empfand ich es immer als einen Zuspruch, als ein Anerkennen der menschlichen Gleichheit zwischen uns; wenn es von der Gestapo kam, die uns grundsätzlich duzte, war es mir immer wieder ein Schlag ins Gesicht. Das Du des Arbeiters wiederum war mir auch nicht nur deshalb erfreulich, weil es einen Protest gegen die Sternschranke in sich schloß; sondern wenn es in der Fabrik selber zur Anwendung kam, wo sich ja die völlige Abschließung der jüdischen Belegschaft doch nicht gänzlich durchführen ließ, trotz aller dahin zielenden Gestapovorschriften, dann nahm ich es auch immer als Zeichen des geschwundenen oder mindestens verringerten Mißtrauens dem Bourgeois und Akademiker gegenüber." Anreden. Die gemeinste, die sich Menschen je einfallen lassen haben, war wohl das Er, dessen sich zur Zeit des Absolutismus der Adel gegenüber dem Nichtadeligen bediente: Er schirre die Pferde an! Nach den Regeln der Grammatik drückt die dritte Person Singular die Abwesenheit der bezeichneten Person aus. Gemeint ist also in aller Deutlichkeit: Du bist es nicht wert, die gleiche Luft zu atmen wie ich, wenn ich denn schon mit dir reden muß. Anreden. Die schönste, die es je gab: das Ihr. Der Plural dem Gegenüber! Nicht dem Ich vorbehalten, wie Kaisers und Königs ihn sich im Pluralis Majestatis anmaßen, sondern dem Mitmenschen zugebilligt. Aber auch Ihr ist nicht gleich Ihr. Vladimir Nabokov schreibt in seiner Autobiographie "Erinnerung sprich" über seinen ersten Lehrer, den er sehr geliebt hat, - und über seine Mutter: "Wenn er mich anredete, einen kleinen Jungen, gebrauchte er stets die zweite Person Pluralis - nicht so steif wie die Dienstboten und nicht wie meine Mutter in jenen Augenblicken unbändiger Zärtlichkeit, wenn ich im Fieber lag oder mir ein winziger Eisenbahnpassagier abhanden gekommen war (so als wäre der Singular zu schwach, die Last ihrer Liebe zu tragen), sondern mit der einfachen Höflichkeit eines Mannes, der mit einem anderen spricht und ihn nicht gut genug kennt, um "du" zu sagen." Das Ihr ist nicht zurückzuholen; ersetzt durch das Sie, die dritte Person im Plural - distanzierter, auch eigentlich die Abwesenheit des Gegenübers ausdrückend, aber immerhin im aufwertenden Plural. Du und Sie, damit muß man auskommen, obwohl die Beziehungen nuancenreicher sind. Du - dahinter kann Liebe stehen, Vertrautheit, Gewohnheit; aber auch Verachtung, Demütigung. Und im Sie muß ich den Rest unterbringen: Sympathie, Gleichgültigkeit, Konvention, Abstände jeder Art, Abneigung. Dabei ist mir das Sie doch kostbar; keine Zurückweisung in Abwesenheit; denn da gibt es den einen oder die andere, die habe ich so tief im Herzen, daß sie mir den Plural wert sind (als warmes Ihr im Stillen gedacht); das plumpe Du würde alles zerstören. Als Notbehelf gibt es Zwischenlösungen: Sie plus Vorname. Walter oder Emeline, würden Sie wohl... Aber da schwingt etwas fatal Synthetisches mit. Ganz ungeheuer schick (vor allem unter Männern - und wer "in" sein will, muß es unbedingt so halten) ist es offenbar - zumindest, wenn man den Autoren neuerer Fernsehspiele glauben darf -, nicht mehr Herr Schmidt oder Herr Neubauer zu sagen, sondern einfach Schmidt oder also Neubauer, das meinen Sie doch nicht ernsthaft." Kinder finden eine witzigere Möglichkeit. Clara (7) sagt zu mir: Frau Tornow, machst du mir einen heißen Apfelsaft? Der Schauspieler Fritz Muliar erzählte in einer Talkshow, wie er sich gegen allzu aufdringliche Intimität seitens des damaligen österreichischen Bundeskanzlers verwahrt habe, indem er ihn duzte und zugleich Herr Kreisky sagte. Zum Teufel, nicht mal mit jemandem zu schlafen, war für mich ein Grund, ihn nun unbedingt zu duzen. Sagte ich eingangs: Mir fehlen mindestens vier Anredeformen? Bei längerem Nachdenken meine ich, es müßten noch ein paar mehr sein.
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