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Dezember 1999/Januar 2000

 vorhaben      

Wer nicht lebt, kann auch nicht sterben, heißt es. Und glaubt man den Traueranzeigen in Tageszeitungen, dann stirbt in Deutschland wirklich niemand. Statt dessen wird von uns gegangen, entschlafen, der eine wird erlöst, die andere heimgeholt. Wer aber heimgeholt wird, der war bis dahin in der Fremde, in Feindesland. Karl-Heinz Farni über den Umgang mit dem Tod und ein großes Projekt, mit dem das Tabu-Thema Tod in einem Gesamtkunstwerk ins Wendland gebracht werden soll.

Mitten im Leben

In einer Zeit, die vom Alles-ist-Möglich regiert wird, in der ausschließlich Jugendlichkeit, grenzenloses Wachstum und un-gebremste Dynamik etwas gelten, in der 80jährige nur dann eine Chance haben, in der Öffentlichkeit geachtet zu werden, wenn sie - mit der Kraft von mindestens zwei Herzen ausgestattet - mopsfidel am Hochreck turnen, passen Tod und Vergänglichkeit nicht ins faltenfreie Bild. Sie sind tabu: Ex und hopp, wisch und weg damit!

Wer in der Öffentlichkeit über die Tatsache des Todes redet, über die Begrenztheit des Lebens, über Trauer, gilt schnell als Depri, der uns bloß das ständige Gut-gelaunt-Genießen vermiesen will.

Auf der anderen Seite wird uns Tod appetitlich schockierend in Gestalt von Unfällen, Katastrophen und 3D-Kriegsberichterstattungen als täglich verabreichter Exitus-Cocktail vierfarbig und breitwandig von den Medien serviert. Tod - was ist das also? Nur der Stillstand der Lebensfunktionen? Nur ein Thema für Menschen, die bereits jenseits von Gut und Böse oder nicht in der Lage sind, den nötigen Spaß am Leben zu haben? Warum erschrickt, betrifft, schockiert, ängstigt und fasziniert uns der Tod? Weshalb kommt kein guter Film, kein guter Roman, kein großes, umfassendes Kunstwerk ohne ihn aus?

Die Antwort ist einfach: Weil Leben, das mehr sein soll als nur möglichst aufgescheucht daherkom-mendes Überleben, ohne die Akzeptanz des Todes nicht möglich ist. Und deshalb sagt der zeitgenössisch tabuisierende Umgang mit dem Tod viel über die derzeitige Art des Lebens aus. Die Angst vor dem Tod ist auch die Angst vorm Leben. Wer Tod ausgrenzt, ihn in die Ecke des Makabren drängt, der will am Ende auch nichts vom Leben wissen.

Es gab andere Zeiten, Zeiten, in denen der Tod den ihm gebührenden Platz mitten im Leben innehatte. In Rudimenten bis heute erhaltene Trauerriten, die oftmals symbolische Architektur von Friedhöfen, Totentänze, Beschreibungen in Literatur, in bildender Kunst, Theater, auch der Umgang mit dem Tod bei Naturvölkern belegen, daß das Phänomen Leben überhaupt nur im Zusammenhang mit dem Tod begriffen werden kann.

Der in Gühlitz lebende Architekt Professor Dr. Wolf Kimm beschäftigt sich seit über 50 Jahren mit dem Tod, der für ihn mehr ist als nur der irreversible Untergang aller Organe und Gewebe im System Mensch. Zusammen mit dem Westwendischen Kunstverein, Dr. Rolf Meyer vom Museumsverein Wustrow und Christa Tornow-Kneebone will er das Thema Tod als Gesamtkunstwerk unter dem Titel "Mitten im Leben" ins Wendland bringen (unsere Überschrift zeigt das von der Grafikerin und Kin-derbuchautorin Susanne Laschütza entworfene Logo des Projekts).

Das zumindest für wendländische Verhältnisse gigantische Vorhaben ist zweigeteilt. Unter dem Titel "KULT: Kunst unter dem Leitmotiv Tod" wird der Westwendische Kunstverein die Bedeutung der Kunst in der Auseinandersetzung mit dem Tod darstellen, und zwar in allen Bereichen der Bildenden Kunst, der Musik, Literatur, Bühnenkunst, Architektur sowie der Fotografie und des Films.

Parallel dazu behandelt das Museum Wus-trow den regionalen Aspekt in allen seinen Facetten. Es stellt die besonderen Ausprägungen dar, die im Wendland in den vom Tod beeinflußten Bereichen erkennbar sind. Unter dem Titel "Tod im Wendland" ist eine Ausstellung geplant, eine Publikation sowie Aktionen, wie, zum Beispiel, Friedhofsbesichtigungen quer durchs Wendland.

Von April bis Oktober 2002 sollen für beide Teilprojekte neben diesen Ausstellungen und Aktionen Lesungen, Symposien, musikalische Darbietungen und Theateraufführungen stattfinden. Wobei über die Arbeit der beiden Träger hinaus die Mitwirkung und Beteiligung anderer hiesiger Kulturträger und Institutionen erwünscht ist. Ziel ist es, über die "zentralen" Orte Gartow und Wustrow als Sitz der beiden Trägervereine hinaus an möglichst vielen anderen Orten des Landkreises Lüchow-Dannenberg Veranstaltungen zu initiieren. Gedacht ist dabei vor allem an "Realkulissen" wie etwa Friedhöfe, Leichenhallen, alte Kultstätten.

In einer gemeinsamen Dokumentation werden die Arbeitsergebnisse umfassend dargelegt. Nach dem Veranstaltungsjahr 2002 soll das Projekt als Wanderausstellung auch an anderen Orten gezeigt werden. Die Stadt Hannover hat bereits jetzt ihr starkes Interesse daran bekundet. Die Arbeitsgruppe, bestehend aus Wolf Kimm, Rolf Meyer und Christa Tornow-Kneebone, (Codename: Funeral-Club) arbeitet seit eineinhalb Jahren an dem Projekt "Mitten im Leben", dem die Bezirksregierung Lüneburg bereits eine "hohe Förderpriorität" eingeräumt hat.

An der Thematik interessierte Kreise, auch Einzelpersonen, die zum Thema Tod Ideen, Objekte, Dokumente oder auch Hinweise beitragen möchten, können sich wenden an Professor Dr. Wolf Kimm, Westwendischer Kunstverein (Tel.: 05841 - 5507, Fax: 974107) oder an Dr. Rolf Meyer, Museum Wustrow (Tel.: 05843 - 429, Fax: 9994).




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