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Mai 2001 |
Jede Stunde eine Mark - Plädoyer gegen die Schulpflicht
Von Gecko Neumcke
Hier herrschen Recht und Ordnung! Und eine anständige
staatliche Ordnung verläßt sich nicht nur darauf, daß
die Menschen ihre Rechte schon wahrnehmen werden. Sie nimmt den mündigen
Bürger, wenn der selbst zu doof ist, um zu erkennen, was ihm guttut,
auch in die Pflicht. Deshalb gibt es in Deutschland die Gurt-, die Helm-
und die Wehrpflicht. In der DDR gab es sogar die Wahlpflicht, um sicherzustellen,
daß genügend Bürger von ihrem Recht zu wählen Gebrauch
machten - und die Wahlbeteiligung einer ordentlichen Demokratie würdig
war.
Ähnlich sieht es mit der Schulpflicht aus. Ursprünglich
zum Schutz der Kinder eingeführt, um ihr Recht auf Bildung zu gewährleisten,
findet es das Schulamt in Magdeburg heute nicht mehr lächerlich,
Schwänzern einen Bußgeldbescheid über DM 1,- pro versäumter
Unterrichtsstunde zuzuschicken. Konsequent wäre es da nur, endlich
auch eine Sportpflicht und eine Pflicht zur freien Meinungsäußerung
einzuführen.
Gelernt wird in der Schule! Dieser Satz hat in Deutschland
fast den Rang eines Naturgesetzes - aber eben auch nur in Deutschland
eine gesetzliche Grundlage. In anderen europäischen Ländern
gibt es statt dessen die Unterrichtspflicht. Drohungen, wie den Einsatz
der Polizei, um die Kinder in die Klassenzimmer zu befördern, würden
dort nur belächelt. Trotzdem gehen auch in diesen Ländern fast
alle Kinder in die Schule.
Die eigentliche Idee von Schule ist diese: Schule ist
der Ort, wo unsere Nachkommen sozialisiert werden, raus aus dem oft engstirnigen
Elternhaus, rein in die humanistische Gesellschaft. Hier lernen sie kulturelle
Vorbilder kennen und auf den eigenen Füßen zu stehen. Hier
übt man Toleranz, Hilfsbereitschaft und die Fähigkeit, in der
Gruppe zu arbeiten.
In der Realität bleibt davon oft nicht viel mehr
übrig, als daß die Kinder lernen, wie man auswendig lernt,
es schafft, stundenlang ruhig auf einem Stuhl zu sitzen und sich möglichst
unauffällig und stromlinienförmig durchs Leben zu manövrieren.
Das Problem der Schule: Das Schöne an ihr sind
die Ferien. So gesehen stimmt sie vor allem auf das spätere Leben
ein, wo die Arbeit meist auch nur als notwendiges Übel betrachtet
wird. Freude und Erfüllung bringen den meisten weder Arbeit noch
Schule. Höchstens als Zielvorstellung: Mit dem Schulabschluß
stehen dem nun Volljährigen Türen offen; er kann selbst über
seinen weiteren Lebensweg entscheiden. Und auch, wenn die schönen
Seiten der Schule oft eher Abfallprodukte sind - das Fußballspielen
in den Hofpausen, man trifft automatisch seine Kumpels, gibts auch
gute Dinge: Wenn man im späteren Leben einmal wirklich in die peinliche
Situation kommt, einen Dreisatz lösen zu müssen, weiß
man wenigstens wos steht. Und mit dem Anfang der Odyssee auf altgriechisch
kann man manchmal sehr wohl Eindruck schinden.
Aber reicht das, um den "Schulbesuch mittels Zwangsmaßnahmen"
(das kann in hartnäckigen Fällen der Entzug des Aufent-haltsbestimmungsrechts
für die Kinder bedeuten) für alle durchzusetzen, nur weil die
meisten sie immerhin überleben?
Christiane Ludwig-Wolf aus dem südlich von Salzwedel
gelegenen Baars hat drei Söhne im Alter von 8 bis 13 Jahren. Keiner
von ihnen geht zur Schule. Nach jahrelanger Untergrundtaktik hat sie jetzt
mit anderen Eltern die Initiative für selbstbestimmtes Lernen gegründet.
Sie will allen Eltern Unterstützung bieten, deren Kinder sich der
Schulpflicht verweigern und die außerhalb der Schule lernen wollen.
Die Gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, auf menschlicher, pädagogischer
und politischer Ebene Strukturen zu entwickeln, die das für Eltern
und Kinder einfacher machen sollen. Da es für Einzelpersonen in Deutschland
unmöglich ist, eine rechtlich einwandfreie Ausnahmeregelung zu erhalten
(es sei denn, das Kind gilt als "bildungsunfähig"), geht
es letztlich um die Abschaffung der allgemeinen Schulpflicht.
Für die allermeisten Kinder würde das nichts
ändern, weil die Eltern weder Zeit noch Nerven haben, um ihre wißbegierigen
Sprößlinge 24 Stunden am Tag um sich herum zu haben. Und gegen
die Horrorvision "Stell dir vor, es ist Schule, und keiner geht hin"
spricht die Erfahrung: In anderen europäischen Ländern, in denen
es keine Schulpflicht gibt, hat sich die Zahl der Schul-verweigerer bei
einem Prozent eingependelt.
Bei Christiane Ludwig-Wolf lebt noch eine andere Familie
mit auf dem Hof. Der Sohn wird morgens zur Schule gefahren, Christianes
Söhne bleiben zu Hause. Das Argument der rechtlichen Gleichbehandlung,
von Richtern immer wieder ins Feld geführt, zieht hier nicht. Denn
wenn Schule etwas Gutes hat, wird sie auch weiterhin genutzt werden. Wenn
sie nur schrecklich ist und alle gleichermaßen dazu gezwungen werden
müssen, ist es vielleicht aber eh an der Zeit für eine umfassende
Schulreform - sicher nicht für einen Bußgeldbescheid.
Der Fall der Familie Wolf macht - nach dem Weg über
Schulamt, Jugendamt, Bußgelder, abgelehnte Ausnahmeanträge
- inzwischen den Gang durch die Gerichte. Christiane Ludwig-Wolf berichtet
von ihrem Ältesten, Immanuel, der schon immer sein ganz eigenes Tempo
hatte beim Lernen. Erst passiert lange Zeit nichts, dann macht er einen
gewaltigen Satz. Als sich die Eltern schon Sorgen machten, weil ihr dreijähriger
Sohn nicht sprechen wollte, machte er bei einem Streit mit seinem Bruder
plötzlich den Mund auf und sagte: "Du bist wie ein Acker, auf
dem nichts wächst!" In der Schule war er abwesend, wehrte sich
gegen das Lernen nach Lehrplan. Es wurde so schlimm, daß er schreiend
von seinen Eltern zur Schule geschleppt werden mußte. Nach einem
Jahr gaben sie auf und ließen ihn zu Hause bleiben.
Der Schulrat von Sachsen-Anhalt meinte dazu, es sei
die Pflicht der Eltern, dafür zu sorgen, daß ihre Kinder gerne
zur Schule gehen. Heute liest der 13jährige Immanuel die Bibel und
rechnet nach, ob das mit den Zeitangaben im Alten Testament auch alles
hinkommt. Bhagawadgita und Michael Ende, an kulturellen Vorbildern mangelt
es ihm nicht.
Zum Thema Abschluß und Berufschancen hält
Christiane Ludwig-Wolf dagegen, daß es für alle Prüfungen
die Möglichkeit gibt, sie außerhalb der Schule nachzuholen.
Wenn die Kinder das dann wollten, traue sie ihnen zu, selbst die Initiative
zu ergreifen. Ihre Gehirnstrukturen seien ja genauso ausgeprägt wie
die von Gleichaltrigen, was fehlt, ist lediglich der Prüfungsstoff.
Und wie viele Jugendliche pauken erst kurz vorm Abi-tur (und oft in außerschulischer
Nachhilfe) die Lernziele rauf und runter? Ob man sich schon in der 6.
Klasse brav den Buckel krumm gesessen hat, interessiert in der Prüfung
niemanden mehr.
Mauricio Wild, Gründer und Leiter eines alternativen
Schulprojekts in Ecuador, meint dazu sogar, Auswendiglernen sei nur eine
Notmaßnahme des Gehirns bei Nichtverste-hen. Hinterher sei es schwieriger,
etwas wirklich zu lernen, als wenn man es zum ersten Mal hört.
Paradoxerweise sind es übrigens genau solche Persönlichkeiten,
die von Headhuntern der Wirtschaft gesucht werden: gemeinschaftstauglich,
selbständig, vernetzt denkend. Linear denkende Befehlsempfänger
kommen aus der Mode.
Die Initiative für ein selbstbestimmtes Lernen
begreift sich nicht als eine Opposition zur Schule. Sie kämpft dafür,
daß jede Familie ihren eigenen Weg finden kann. Natürlich haben
sie auch Utopien für eine tollere Schule: Angebote, Zentren in den
Dörfern, Lernorte mit Verbindung zum Alltagsleben. Sie sprechen dem
Staat auch nicht ab, Kinder vor Verwahrlosung und Mißbrauch zu schützen.
Es geht ihnen um die Möglichkeit individueller Lösungen, regelmäßige
Besuche von Kontaktpersonen aus dem Schulamt zum Beispiel. Schule als
Möglichkeit, aber eben nicht als Pflicht.
Es ist klar, daß der Unterricht zu Hause keine
Lösung sein kann für eine Gesellschaft, die ohnehin in immer
kleinere Kleinfamilien abtaucht. Funktionierende Dorfstrukturen, wo die
Kinder von den Alten lernen und den Großen bei der Arbeit über
die Schulter schauen können, gibt es kaum noch. Papa geht weg zum
Arbeiten, und Oma sitzt im Altersheim. Aber es stellt sich schon die Frage,
woher der Staat in den Zeiten von Fascho-Banden auf den Schulhöfen
und resignierter Hauptschullehrer die Selbstverständlichkeit hernimmt,
Eltern ihre Kinder wegzunehmen, wenn diese nach anderen Wegen suchen.
Ausbaden müssen diesen ganzen Streit die Kinder.
In Sachsen-Anhalt haben sie immerhin die Möglichkeit, chronisch krank
zu werden, um der Schulpflicht zu entgehen. Dann setzt der vor Gericht
gern zitierte Ausnahmeparagraph ein. Aber eben erst dann.
Einstein hat übrigens zu dem Thema gesagt: "Es
ist in der Tat fast ein Wunder, daß die modernen Methoden des Unterrichtens
die heilige Neugier des Forschens noch nicht völlig erstickt haben.
Denn diese zarte, kleine Pflanze bedarf, außer dem Ansporn, hauptsächlich
der Freiheit. Ohne diese geht sie ohne Zweifel zugrunde.
Infos zur Initiative über Christiane Ludwig-Wolf:
039009 - 50378
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