95
September 2003
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 zero  projekt

Der Buddha kehrt zurück

Sabine Steinmann über eine Geste für Afghanistan

Nur Vogelgezwitscher erklingt noch in den verwaisten Felsen im Tal von Bamiyan, das im Hochgebirge von Afghanistan liegt. Auf einer Höhe von 2500 Metern, im ehemaligen Kloster, wo vor anderthalb Jahrtausenden buddhistische Gesänge von den Felswänden widerhallten, erinnern nur noch riesige Hohlräume an die zwei Buddha-Statuen. Mönche hatten die größten stehenden Buddhas der Welt zwischen dem zweiten und fünften Jahrhundert aus dem roten Sandstein herausgemeißelt. Sie stellten, so der Wiener Professor und Afghanistan-Kenner Max Klimburg, Dipankara, den Buddha des vorangegangenen Weltenalters, und den historischen Buddha Shakyamuni dar und übertrafen mit 54 und 38 Metern Höhe "alle weltweit bekannten menschlichen Darstellungen".

Ein iranischer Reisender im 11. Jahrhundert sprach vom Surkh But (Roter Buddha) und vom Khing But (Mondweißer Buddha). Die Legende erzählt, daß hier der gerechte und mutige König Salsal und die Königin Shahmama als Denkmal in den Fels gemeißelt wurden. Salsal hatte, obwohl er wußte, welch Schicksal ihm widerfahren würde, die Bevölkerung von zwei tyrannischen Bestien befreit und erstarrte anschließend, gemeinsam mit seiner Gemahlin, zu Stein.

Für Reisende in früheren Zeiten boten die mit Blattgold veredelten Figuren ein unübersehbares Symbol. Als der berühmte chinesische Pilger Xuanzang um das Jahr 632 durch Bamiyan kam, war er sehr beeindruckt. "Ihre goldene Oberfläche funkelt auf jeder Seite, und ihr wertvoller Schmuck blendet mit ihrem Glanz die Augen."

Nicht erst in jüngster Zeit waren die Statuen Opfer von Angriffen. Als der Islam im 11. Jahrhundert in das Hochtal vordrang, schlugen bilderfeindliche Eiferer den Statuen die Gesichter ab. Weitere Schäden richteten im 13. Jahrhundert die Horden Dschingis Khans an, und unter dem Moghul-Kaiser Aurangzeb wurden die Beine des großen Buddhas beschossen, um die ganze Figur zum Einsturz zu bringen. Die Edelsteine und Goldornamente, die die Augen schmückten, waren schon vorher geplündert worden. In moderner Zeit beschädigten sowjetische Soldaten und Mujahedin-Kämpfer die Höhlen der Klosteranlage mit Graffitis. Doch im Kern unbeeindruckt standen die Kolosse nach wie vor fest in ihren Nischen und blickten gesichtslos über das breite Tal nach Süden.

Unter "Allah ist groß"-Rufen und mithilfe mehrerer Tonnen Sprengstoff verwandelte die radikalislamische Taliban-Miliz dann im März 2001 - trotz eindringlicher Bitten und zahlreicher internationaler Appelle - "die Schreine der Ungläubigen" in einen Haufen Schutt und Geröll. Der weltweite Aufschrei erbrachte nichts. Einzige offizielle Reaktion der damaligen afghanischen Machthaber: Die Sache sei eine innere Angelegenheit Afghanistans; nicht der Schutz von vorislamischem Weltkulturerbe, sondern dessen weitgehende Zerstörung sei im Namen Allahs vorzunehmen.

Die Materie konnte der Sprengstoff zerstören, ihre Kraft nicht. Der Weiße und der Rote Buddha sind zum Symbol der Freiheit der afghanischen Völker geworden. Auch im leeren Zustand haben die Höhlen eine sinnbildliche Kraft und spiegeln die traditionell vielfältigen Werte des heutigen Afghanistans wider. Regional, national und international sind sie berühmter und bekannter denn je.

Seit Anfang Juli 2003 gehört Bamiyan zum gefährdeten Weltkulturerbe und wurde in die entsprechenden Listen der Unesco in Paris aufgenommen, denn mittlerweile drohen auch die Überreste einzustürzen, die kostbaren Wandmalereien in den Höhlen verwittern. Dazu kommen Plünderungen und illegale Ausgrabungen. Paul Bucherer, Leiter des Afghanistan-Museums in der Schweiz, hatte sich bereits Anfang 2002 im Auftrag der Unesco mit dem afghanischen Präsident Hamid Karzai auf die Wiedererrichtung der Kunstwerke geeinigt. Viele buddhistische Organisationen haben ihre finanzielle Unterstützung signalisiert. Doch bis zur Umsetzung wird noch einiges an Wasser den Kabul-Fluß hinunterfließen.

So lange wollen der Kaufmann Günter Hilbeck aus Lüchow und der Bildhauermeister Manfred Gerlach aus Wieren nicht warten. Persönliche Kontakte, eine große Sympathie für das Land, das auf eine 5000 Jahre alte Kultur zurückblicken kann, haben die beiden zu einem ungewöhnlichen und unkonventionellen Projekt veranlaßt. Mit viel Eigeninitiative und einer großen Portion Idealismus wollen sie den größten der beiden Buddhas wiederauferstehen lassen - allerdings wird das Double keine 54 Meter hoch sein. Im fünf Meter langen Stamm einer Silberpappel, den Günter Hilbeck auf dem Holzplatz der Kämener Wassermühle bei Hitzacker fand, wird sich der Rote Buddha reinkarnieren. Auch wenn die Figur am Ende nur bescheidene zwei Meter messen wird - schon jetzt weht ein Geist durch dieses Vorhaben, der an die Wurzeln der Satuen aus Bamiyan anknüpft.

Geld und Kosten stehen nicht im Vordergrund. "Es ist", so Manfred Gerlach, "wirklich der Gedanke, etwas zu einem Thema zu schaffen, das viele Menschen bewegt - egal, welcher Konfession sie angehören. Es ist die weltweite Ohnmacht der Menschen gegenüber der sinnlosen Zerstörung eines großen Kunstwerks, das sie zu einer einheitlichen Meinung zusammenschließt und dies zu einem weltweiten Thema über alle Kulturen hinweg macht."

Hier ein Zeichen setzen zu können, von einer Kultur zur anderen, treibt die beiden an. Auch reizt sie das fremde Land und die vielfältige Kultur Afghanistans. Gerlach war Entwicklungshelfer in Indonesien. Seitdem packt ihn immer wieder das Fernweh.

Günter Hilbeck wurde vor einigen Jahren mit dem "Afghhanistan-Virus" infiziert. Private Kontakte mit Exil-Afghanern im Landkreis Lüchow-Dannenberg machten ihn neugierig auf das Land, wo die Uhren noch anders ticken. 1995 war er Mitbegründer der SDT (Demokratische Partei Afghanistan). Er knüpfte Kontakte zu Mitgliedern der Übergangsregierung Karzai und ist mittlerweile Mitinitiator einer deutsch-afghanischen Consultgesellschaft in Kabul. Seitdem liest der "eigentlich sonst unreligiöse" Mann manchmal im Koran.

Mit den Augen des Geschäftsmannes erkannte er im Laufe der Jahre das "große Potential, das in dem Land steckt, in dem nun unbedingt etwas geschehen muß. Denn viele Exil-Afghaner wollen nicht zurück, weil sich in ihrer Heimat nichts tut." Das Land mit einer 5000 Jahre alten Kultur, erklärt Hilbeck, habe es nicht verdient, daß es untergeht. Er möchte mit diesem Geschenk ein Zeichen setzen. "Die Menschen dort sollen daran erinnert werden, daß es Buddha gegeben hat. Sie sollen das Gefühl haben, daß sie nicht allein gelassen werden. Das braucht Vertrauen, und gerade daran mangelt es." Kein Wunder nach 25 Jahren Krieg.

Hilbeck ist der Organisator in diesem Projekt. Er stellt die Verbindungen zur Regierung her. Die amtliche Zusage des Präsidenten Hamid Karzai hat er bereits. Auch der afghanische Botschafter in Prag hat seine Unterstützung zugesagt.

Seinen Standort bekommt der Buddha im Flughafen von Kabul, damit Abreisende und Ankommende ihn sehen können. Für den Transport hofft der Kaufmann eine Lkw-Firma zu finden, die ihnen ein Fahrzeug zur Verfügung stellt. "Natürlich", so Hilbeck, "könnten wir das auch von einem Flugzeug erledigen lassen, doch der Buddha soll eine eigene Geschichte bekommen. Da gehört die Anreise durch die verschiedenen Länder genauso dazu wie schon das Suchen nach dem passenden Holz."

Noch ist es nicht soweit. Noch liegt der wuchtige Stamm der Silberpappel wie ein gestrandeter Pottwal im Hof des Antik-Basars von Manfred Gerlach. Doch schon jetzt strahlt das alte Holz gereifte Ruhe aus. In der kleinen Werkstatt des Schnitzmeisters, zwischen Schutzmadonnen und Engeln, wird erst noch am Modell gearbeitet, das später versteigert werden soll, um so Geld für das Projekt zu organisieren. Allmählich schält sich die Gestalt des Buddhas in Miniatur aus dem Birkenholz. Viele Späne fallen zu Boden, bevor der zarte Faltenwurf des Buddha-Gewandes sichtbar wird.

Für Gerlach ist das eine neue Herausforderung, wo doch normalerweise Artefakte wie, zum Beispiel, der Heilige Gabriel für die Kirche in Darrigsdorf bei Wittingen zu seinen Aufträgen gehören. Handwerklich ist die Arbeit an der buddhistischen Figur kein großer Unterschied.

Dennoch hat der Schnitzmeister sich gründlich in die Historie eingearbeitet und mit buddhistischer Ikonographie auseinandergesetzt - um seinem Werk auch eine Seele geben zu können. Anhand von altem Bildmaterial rekonstruierte er den großen Buddha. Auch der Kopf, der seit 500 Jahren fast vollständig zerstört ist, wird wieder ein Gesicht bekommen. Sollen die Augen nach unten schauen oder würdevoll zum Horizont? Was bedeutet die Haltung der Hände und Finger? Wie soll der Mund geformt sein, wie die Lippen?

Ein Buddha für Afghanistan - nur eine sentimentale Geste? Für Günter Hilbeck und Manfred Gerlach ist das Ganze auch "eine Aktion, die das Leben einfach spannend macht. Und gute Werbung ist es obendrein. Manchmal muß man eben unkonventionelle Dinge tun." Und wenn es nicht klappt? "Na ja, dann haben zwei Verrückte etwas Verrücktes gemacht."